Videospiele sind die reinste Ablenkung! (ein Porträt)

Diesen Vorwurf habe ich schon sehr häufig gehört, vor allem in meiner Jugend in den 90ern. Schon damals, als Kind, habe ich mich gefragt, warum meine Zeit mit Videospielen oft auf wenige Stunden begrenzt wurde, obwohl ich doch theoretisch viel freie Zeit hatte. Teilweise wollten meine Eltern, dass ich mir die Zeit mit meinem Gameboy „verdiene“, indem ich vorher ein paar Stunden draußen spielte.

Heute weiß ich, dass so vor allem eine soziale Isolation vermieden werden sollte und dass viele Eltern Bildschirme für äußerst augenschädigend hielten. Aber irgendwie war da noch mehr. Es formten sich feindliche Allianzen – bereit für den Kampf gegen Videospiele und die gesamte Industrie dahinter. Videospiele wurden viele, viele Jahre für eine Zeitverschwendung gehalten und werden es auch heute noch.

Besorgte Bürger und Politiker riefen vor allem die letzten 30 Jahre einige Debatten herbei. Jede einzelne ist es wert nochmal besprochen zu werden. Jedoch haben viele echte Journalisten schon besser darüber berichtet, weshalb ich dies hier nicht vertiefen werde. Stattdessen möchte ich im Folgenden von mir erzählen. (Hoffentlich enttäuscht euch das jetzt nicht.) Lasst mich euch erzählen, welche leidenschaftliche Liebe in diesem Spannungsfeld empor stieg.

Eines vorab: meine Eltern sind grundsätzlich sehr cool, gaben mir viele Freiheiten und kauften meinem Bruder und mir auch unsere ersten Konsolen und Spiele. Wie oben bereits erwähnt, hatten aber auch sie, wie viele andere Eltern auch, den skeptischen Blick auf interaktives Bewegtbild. Exzessive Daddel-Sessions mit Pokémon, Link oder Super Mario waren eher selten möglich. Also begann ich das heimliche Zocken z.B. unter der Bettdecke, wenn ich eigentlich schlafen sollte oder ich setzte die Spielstände fort, wenn ich bei Kumpels war. Letzteres entkräftet übrigens die Angst um soziale Isolation. Wir waren Kids mit der gleichen Faszination und somit auch den gleichen Sorgen. Das verband enorm.

Vor allem die Pokémon Spiele der ersten Generation verschafften viele neue Bekanntschaften und formten enge Freundschaften, die auch heute noch bestehen. Es wurde miteinander, gegeneinander oder einfach parallel gespielt.

Diese „Ablenkung durch Videospiele“ hat mich nachhaltig geprägt. Die leidenschaftliche Liebe zu dem mysteriösen Phänomen der Videospiele ist nach wie vor vorhanden. Doch durch den Verlust der kindlichen Freizeit, ertappe ich mich nun oft selbst dabei, wie ich mir das Daddeln am Abend verbiete, weil ich vermeintlich produktiveren Tätigkeiten nachgehen könnte. Das Erwachsenwerden hat auch mich z.T. verändert. Ich kann aber mit Stolz sagen, dass es Videospiele waren, die mich zu einem kreativen Beruf brachten, in dem ich erfolgreich bin und der mich komplett erfüllt. Mir macht meine Arbeit viel Spaß. Darüber hinaus befasse ich mich fast täglich mit Videospielkultur und zocke natürlich auch. Das ist ein großer Teil meiner Persönlichkeit, ermöglicht mir eine spielerische Denkweise und verschafft mir mindestens den gleichen Ausgleich wie Sport, gutes Essen oder Abende mit Freunden. Alle dieser Punkte schätze ich sehr.

Im Übrigen finden Videospiele inzwischen immer mehr Anerkennung, wurden zum Kulturgut erklärt, machen den größten Anteil der Unterhaltungsindustrie aus und ebnen teilweise den Weg für innovative Anwendungen in den Bereichen Bildung, Erziehung und Pflege.

Achso – und bevor ich es vergesse: Ich liebte es auch draußen Fußball, Fangen und Verstecken zu spielen. Außerdem bin ich ziemlich oft sehr dreckig nach Hause gekommen, weil wir mal wieder im Grünen eindrucksvolle Buden bauten oder statisch völlig korrekte Staudämme im örtlichen Bach hochzogen.

Credit(s) Beitragsbild(er): Cheeseburg Design

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